Millionen Menschen weltweit nehmen Calcium- und Vitamin-D-Präparate ein, um Osteoporose, Stürzen und Knochenbrüchen vorzubeugen. Eine neue umfassende Analyse kanadischer Forscher kommt nun jedoch zu dem Ergebnis, dass diese weit verbreitete Empfehlung für viele Menschen ohne nachgewiesenen Mangel möglicherweise keinen relevanten Schutz bietet.
Calcium und Vitamin D: Lange als Schutz für die Knochen empfohlen
Calcium und Vitamin D gelten seit Jahrzehnten als zentrale Bestandteile der Knochengesundheit. Calcium ist ein wichtiger Mineralstoff für den Aufbau und Erhalt der Knochenstruktur, während Vitamin D die Aufnahme von Calcium im Darm unterstützt und zudem eine Rolle für Muskelkraft und Muskelfunktion spielt.
Frühere Beobachtungsstudien hatten gezeigt, dass niedrige Vitamin-D-Werte mit geringerer Knochendichte, Muskelschwäche, einer erhöhten Sturzgefahr und einem höheren Risiko für Knochenbrüche verbunden sein können. Deshalb gehören Calcium- und Vitamin-D-Präparate zu den am häufigsten verwendeten Nahrungsergänzungsmitteln – insbesondere bei älteren Menschen.
Allerdings zeigten kontrollierte Studien bei Personen ohne eindeutigen Mangel bislang kein einheitliches Bild. Während ältere Untersuchungen teilweise Vorteile vermuten ließen, konnten neuere Forschungsarbeiten diese Ergebnisse häufig nicht bestätigen.
Große Metaanalyse mit mehr als 153.000 Teilnehmern
Ein kanadisches Forscherteam hat nun die bisher umfassendste Metaanalyse zu diesem Thema durchgeführt. In die Untersuchung wurden 69 randomisierte, kontrollierte Studien mit insgesamt 153.902 Erwachsenen aufgenommen.
Die Teilnehmer waren überwiegend ältere Menschen mit einem Durchschnittsalter von 71 Jahren. Rund 87 Prozent der untersuchten Studien bezogen Personen ein, die selbstständig lebten. Nur ein kleiner Teil konzentrierte sich auf Hochrisikogruppen, etwa Bewohner von Pflegeeinrichtungen.
Die Wissenschaftler analysierten verschiedene Gesundheitsindikatoren, darunter:
- alle Arten von Knochenbrüchen,
- Hüftfrakturen,
- Wirbelkörperfrakturen,
- andere nicht an der Wirbelsäule auftretende Frakturen,
- Stürze und die Häufigkeit von Sturzereignissen.
Die durchschnittliche Beobachtungszeit lag bei etwa zwei Jahren.
Calcium allein zeigte keinen überzeugenden Schutz
Bei der alleinigen Einnahme von Calcium wurden Daten von 9.067 Teilnehmern aus elf Studien ausgewertet. Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit für Knochenbrüche wurde durch Calcium nicht statistisch relevant gesenkt.
Das Risiko für Frakturen insgesamt war lediglich um rund neun Prozent reduziert (RR 0,91). Die Forscher bewerteten die Qualität dieser Erkenntnisse als moderat.
Auch bei einzelnen Brucharten zeigte sich kein eindeutiger Vorteil. Für nicht-vertebrale Frakturen lag das relative Risiko bei 0,95, für Wirbelkörperfrakturen bei 0,82. Auch die Wahrscheinlichkeit für Stürze veränderte sich kaum.
Bei Hüftfrakturen wurde zwar rechnerisch sogar ein höheres Risiko unter Calcium beobachtet (RR 1,63), die Autoren bewerten diesen Befund aufgrund der begrenzten Datenlage jedoch als nicht ausreichend belastbar.
Vitamin D ohne nachweisbaren Effekt auf Frakturen und Stürze
Noch deutlicher fiel die Bewertung für Vitamin D aus. Die Forscher analysierten 46 Studien mit insgesamt 96.296 Teilnehmern.
Beim wichtigsten Untersuchungsziel – dem Risiko für Knochenbrüche insgesamt – zeigte sich kein Unterschied zwischen Personen, die Vitamin D einnahmen, und Kontrollgruppen. Das relative Risiko lag genau bei 1,0.
Auch bei weiteren Frakturarten ergaben sich keine relevanten Verbesserungen:
- Hüftfrakturen: RR 1,13,
- nicht-vertebrale Frakturen: RR 1,01,
- Wirbelkörperfrakturen: RR 1,04.
Ebenso wenig beeinflusste Vitamin D die Häufigkeit von Stürzen. Das Sturzrisiko lag mit einem relativen Risiko von 1,01 praktisch auf dem gleichen Niveau wie bei Placebo oder keiner Behandlung.
Auch zusätzliche Analysen verschiedener Altersgruppen, Dosierungen und Ausgangswerte des Vitamin-D-Spiegels ergaben keine Hinweise auf besonders stark profitierende Gruppen.
Kombination aus Calcium und Vitamin D mit nur geringem Nutzen
Die gemeinsame Einnahme von Calcium und Vitamin D zeigte ein etwas anderes Bild. Für diese Kombination wurden 16 Studien mit mehr als 51.000 Teilnehmern berücksichtigt.
Statistisch konnten die Forscher einige Vorteile feststellen:
- neun Prozent weniger Frakturen insgesamt (RR 0,91),
- 16 Prozent weniger Hüftfrakturen (RR 0,84),
- 13 Prozent weniger nicht-vertebrale Frakturen (RR 0,87).
Bei genauer Betrachtung waren die tatsächlichen Unterschiede jedoch gering. Die absolute Risikoreduktion betrug lediglich:
- einen Prozentpunkt bei allen Frakturen,
- 0,3 Prozentpunkte bei Hüftfrakturen,
- 1,6 Prozentpunkte bei nicht-vertebralen Frakturen.
Nach Einschätzung der Studienautoren erreichen diese Effekte nicht die Schwelle einer klinisch bedeutsamen Verbesserung.
Frühere positive Ergebnisse möglicherweise durch einzelne Studie beeinflusst
Die Forscher fanden außerdem heraus, dass ein großer Teil der früher beobachteten Vorteile der Kombinationstherapie auf eine einzelne Studie aus den frühen 1990er-Jahren zurückzuführen sein könnte.
Diese Untersuchung hatte ältere Frauen mit besonders hohem Frakturrisiko eingeschlossen. Die Teilnehmerinnen wiesen gleichzeitig sehr niedrige Vitamin-D-Werte und eine geringe Calciumaufnahme auf.
Nachdem diese Studie in zusätzlichen Berechnungen ausgeschlossen wurde, verschwanden mehrere der zuvor beobachteten statistischen Vorteile. Dies deutet darauf hin, dass mögliche positive Effekte vor allem für bestimmte Hochrisikogruppen gelten könnten.
Konsequenzen für die medizinische Praxis
Die Autoren ziehen daraus ein klares Fazit: Für die Mehrheit gesunder Erwachsener ohne nachgewiesenen Mangel bieten Calcium- und Vitamin-D-Präparate keinen klinisch relevanten Schutz vor Knochenbrüchen oder Stürzen.
Die Ergebnisse bedeuten jedoch nicht, dass die Präparate für alle Patienten ungeeignet sind. Die Untersuchung lässt sich nicht automatisch auf Menschen mit diagnostizierter Osteoporose, speziellen Knochenerkrankungen oder langfristiger Kortisontherapie übertragen.
Für Ärzte, Gesundheitsbehörden und Leitlinienentwickler bedeutet die Analyse vor allem, dass eine pauschale Empfehlung zur Einnahme von Calcium und Vitamin D kritisch überprüft werden sollte. Künftig könnte eine individuellere Bewertung stärker im Mittelpunkt stehen – insbesondere bei Patienten mit nachgewiesenem Mangel oder erhöhtem Frakturrisiko.

