Die Diskussion um Präventionsstrategien gegen Alzheimer-Demenz gewinnt angesichts der alternden Bevölkerung in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Während bislang vor allem Lebensstilfaktoren und medikamentöse Ansätze im Mittelpunkt standen, rückt nun auch die Rolle von Impfungen stärker in den Fokus der Forschung. Eine aktuelle US-Studie legt nahe, dass hochdosierte Influenzaimpfstoffe bei älteren Menschen möglicherweise mit einem geringeren Risiko für Alzheimer-Demenz verbunden sind.
Influenzaimpfung und Demenzprävention im Fokus der Forschung
Die Alzheimer-Demenz zählt zu den häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen im höheren Lebensalter. Nach Angaben deutscher Fachgesellschaften steigt die Zahl der Betroffenen kontinuierlich an. Da bislang keine heilende Therapie verfügbar ist, konzentriert sich die Forschung verstärkt auf präventive Maßnahmen.
In den vergangenen Jahren haben Wissenschaftler zunehmend untersucht, welche Rolle chronische Entzündungen und Infektionen bei neurodegenerativen Erkrankungen spielen. Dabei gibt es Hinweise, dass bestimmte Impfungen nicht nur vor Infektionskrankheiten schützen, sondern möglicherweise auch langfristige Auswirkungen auf das Gehirn haben könnten.
Bereits frühere Untersuchungen deuteten darauf hin, dass Impfungen gegen Herpes zoster oder Influenza mit einem geringeren Demenzrisiko assoziiert sein könnten. Die aktuelle Studie analysierte nun erstmals gezielt den Einfluss unterschiedlicher Antigendosierungen bei Grippeimpfstoffen.
Studie untersucht Wirkung hochdosierter Influenzaimpfstoffe
Für die Untersuchung wurden US-amerikanische Versicherungsdaten von Menschen ab 65 Jahren ausgewertet, bei denen zu Beginn keine kognitive Beeinträchtigung dokumentiert war.
Mehr als 120.000 Personen hatten eine hochdosierte Influenzaimpfung erhalten, rund 44.000 wurden mit einem Standardimpfstoff geimpft. Die Forschenden nutzten dabei die Methode der sogenannten „Target Trial Emulation“, um mögliche Verzerrungen in der Analyse zu reduzieren.
Die Nachbeobachtungszeit betrug bis zu drei Jahre. Im Durchschnitt lag sie allerdings bei etwa 15 Monaten.
Geringere Alzheimer-Inzidenz nach Hochdosis-Impfung
Die Ergebnisse zeigen eine niedrigere Häufigkeit von Alzheimer-Demenz bei Personen, die den hochdosierten Impfstoff erhalten hatten. Besonders deutlich war der Unterschied innerhalb der ersten 25 Monate nach der Impfung.
Der maximale absolute Risikounterschied lag laut Studie bei rund 0,54 Prozent. Daraus ergibt sich eine sogenannte „Number Needed to Treat“ von etwa 185. Das bedeutet: Etwa 185 Menschen müssten mit dem hochdosierten Impfstoff geimpft werden, um rechnerisch einen zusätzlichen Alzheimer-Fall zu verhindern.
Unterschiede zwischen Frauen und Männern
Auffällig war zudem, dass Frauen offenbar stärker von dem Effekt profitierten als Männer. Bei älteren Frauen zeigte sich die Risikoreduktion früher und konsistenter.
Die Autoren vermuten, dass geschlechtsspezifische Unterschiede im Immunsystem dafür verantwortlich sein könnten. Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass Frauen im höheren Lebensalter häufig stärker auf Impfstoffe reagieren als Männer.
Welche Mechanismen könnten dahinterstehen?
Die Forschenden diskutieren mehrere mögliche Erklärungen für die beobachteten Effekte. Eine Hypothese lautet, dass schwere Influenza-Infektionen entzündliche Prozesse im Körper verstärken und dadurch langfristig neurodegenerative Veränderungen begünstigen könnten.
Eine wirksame Impfung könnte solche systemischen Entzündungsreaktionen reduzieren. Darüber hinaus werden auch direkte immunmodulatorische Effekte diskutiert, die Einfluss auf entzündliche Prozesse im Gehirn haben könnten.
Allerdings betonen die Autoren, dass die Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden müssen. In einzelnen Sensitivitätsanalysen zeigte sich keine statistisch signifikante Differenz mehr. Zudem basiert die Untersuchung auf administrativen Gesundheitsdaten, wodurch Fehlklassifikationen nicht ausgeschlossen werden können.
Bedeutung für die medizinische Praxis
In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) älteren Menschen bereits seit Jahren die jährliche Influenzaimpfung. Hochdosierte Impfstoffe werden insbesondere für Menschen ab 60 Jahren eingesetzt, da das Immunsystem im Alter häufig schwächer auf Standardimpfstoffe reagiert.
Die aktuelle Studie liefert nun zusätzliche Hinweise darauf, dass die Wahl des Impfstoffs möglicherweise nicht nur für den Schutz vor schweren Grippeverläufen relevant sein könnte, sondern auch langfristige Auswirkungen auf die Gehirngesundheit haben könnte.
Weitere Forschung notwendig
Ob tatsächlich ein kausaler Zusammenhang zwischen hochdosierter Influenzaimpfung und einem geringeren Alzheimer-Risiko besteht, müssen zukünftige Studien klären. Experten fordern insbesondere prospektive und randomisierte Untersuchungen sowie präzisere Diagnosen mithilfe moderner Biomarker.
Auch die Frage, ob wiederholte Impfungen oder andere Impfstofftypen ähnliche Effekte entfalten, bleibt bislang offen. Die aktuellen Daten gelten jedoch als weiterer Hinweis darauf, dass Prävention bei neurodegenerativen Erkrankungen künftig eine noch größere Rolle spielen dürfte.

