Kurz vor dem anstehenden EU-Gipfel hat Bundeskanzler Friedrich Merz die Bedeutung eines geeinten und handlungsfähigen Europas hervorgehoben. In einer Regierungserklärung im Bundestag skizzierte er zentrale außen- und wirtschaftspolitische Herausforderungen und rief zu mehr strategischer Eigenständigkeit der Europäischen Union auf.
Europas Rolle in einer neuen Weltordnung
Mehr Selbstbewusstsein gegenüber globalen Akteuren
Merz betonte, dass sich die EU in einem internationalen Umfeld behaupten müsse, das zunehmend von machtpolitischen Interessen geprägt sei. Dabei dürfe Europa seine eigene Stärke nicht unterschätzen.
Mit rund 450 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern verfüge die Europäische Union über ein erhebliches Gewicht – auch im Vergleich zu den USA. Diese Größe müsse sich stärker in politischem Einfluss widerspiegeln.
Zugleich machte der Kanzler deutlich, dass wirtschaftliche und geopolitische Abhängigkeiten keine Einbahnstraße seien. Europa sei nicht nur abhängig von anderen, sondern habe selbst entscheidenden Einfluss – etwa in Handelsfragen, Technologie oder Energie.
Geschlossenheit als strategischer Vorteil
Ein zentrales Motiv der Rede war die Notwendigkeit europäischer Einigkeit. Für Deutschland sei ein geeintes Europa „die wichtigste Garantie für die Zukunft“. Nur gemeinsam könnten die Mitgliedstaaten ihre Interessen wirksam vertreten.
In Brüssel sei, so Merz, eine wachsende Bereitschaft spürbar, dieses gemeinsame Potenzial stärker zu nutzen.
Wirtschaftliche Stärke als Grundlage europäischer Macht
Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit
Neben geopolitischen Fragen stellte Merz die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Europas in den Mittelpunkt. Eine höhere Wettbewerbsfähigkeit sei entscheidend, um langfristig bestehen zu können.
Geplant seien unter anderem:
- eine Vertiefung des europäischen Binnenmarkts
- der Ausbau einer Kapitalmarktunion
- ein vollständig integrierter Energiebinnenmarkt
Diese Maßnahmen sollen Investitionen erleichtern und gleichzeitig für stabile, bezahlbare Energiepreise sorgen – ein wichtiger Faktor insbesondere für die exportorientierte deutsche Industrie.
Bürokratieabbau und Innovation
Der Kanzler kritisierte zudem übermäßige Regulierung innerhalb der EU. Insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz könnten zu strenge Vorschriften Innovationen bremsen.
Ein Abbau unnötiger Bürokratie sei daher notwendig, um Wachstumspotenziale freizusetzen und Europa im globalen Wettbewerb – etwa gegenüber den USA und China – besser zu positionieren.
Außenpolitik: Ukraine, Russland und internationale Konflikte
Sanktionen und Rolle Europas im Ukraine-Konflikt
Mit Blick auf den Krieg in der Ukraine kündigte Merz an, sich beim EU-Gipfel für ein weiteres Sanktionspaket gegen Russland einzusetzen. Zudem solle ein bereits beschlossener Kredit in Höhe von 90 Milliarden Euro zügig ausgezahlt werden.
Nach Einschätzung der Bundesregierung zeigen die bisherigen Sanktionen Wirkung und setzen die russische Wirtschaft erheblich unter Druck. Dieser wirtschaftliche Hebel solle weiter genutzt werden – in enger Abstimmung mit den USA.
Gleichzeitig unterstrich Merz, dass Europa bei möglichen Friedensverhandlungen von Beginn an beteiligt sein müsse. Eine dauerhafte Friedensordnung könne nur unter Einbeziehung der europäischen Staaten entstehen.
Haltung zum Konflikt im Nahen Osten
Auch der Krieg im Iran wurde in der Regierungserklärung thematisiert. Merz bezeichnete den Konflikt als Belastung für die internationale Stabilität und kritisierte das Fehlen eines klaren politischen Rahmens.
Deutschland teile mit Partnern wie den USA und Israel das Ziel, dass vom Iran keine Bedrohung ausgehe. Eine militärische Beteiligung an der Sicherung der Straße von Hormus schloss die Bundesregierung während der laufenden Kampfhandlungen jedoch aus. Perspektivisch sei ein Engagement nach Kriegsende denkbar.
Fazit: Europa zwischen Anspruch und Realität
Die Rede von Bundeskanzler Merz macht deutlich, dass Deutschland auf ein stärker integriertes und selbstbewussteres Europa setzt. In einer Zeit globaler Umbrüche sieht die Bundesregierung die EU gefordert, ihre wirtschaftlichen und politischen Instrumente konsequenter einzusetzen.
Ob dies gelingt, hängt maßgeblich von der Geschlossenheit der Mitgliedstaaten und der Bereitschaft zu Reformen ab. Der bevorstehende EU-Gipfel dürfte zeigen, inwieweit Europa diesem Anspruch gerecht werden kann.

