Deutschland setzt beim Wettbewerb um den Oscar für den besten internationalen Film auf Sandra Wollners Drama „Everytime“. Der in Cannes ausgezeichnete Film erzählt von Trauer, Erinnerung und dem schwierigen Versuch einer Familie, nach einem schweren Verlust in den Alltag zurückzufinden. Durch neue Regeln könnten zudem zwei weitere deutsche Produktionen Chancen auf eine Nominierung erhalten.
„Everytime“ wird deutscher Oscar-Beitrag
Die Auslandsvertretung German Films gab in München bekannt, dass „Everytime“ Deutschland bei der 99. Oscar-Verleihung vertreten soll. Inszeniert wurde das Drama von der österreichischen Regisseurin und Drehbuchautorin Sandra Wollner.
Im Mittelpunkt stehen Ella und ihre jüngere Tochter Melli. Ein Jahr nach dem plötzlichen Tod der älteren Tochter Jessie versuchen beide, ihr Leben neu zu ordnen. Die Trauer bleibt jedoch allgegenwärtig: Sie zeigt sich in kleinen Gesten sowie in alten Nachrichten und Videoaufnahmen.
Als Ella und Melli gemeinsam mit Jessies Freund Lux nach Teneriffa reisen, treten lange verdrängte Gefühle und Erinnerungen erneut hervor. Die Hauptrollen spielen Birgit Minichmayr, Carla Hüttermann und Tristán López.
Hauptpreis in Cannes für Sandra Wollner
Bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes wurde „Everytime“ bereits mit dem Hauptpreis der Sektion „Un Certain Regard“ ausgezeichnet. Diese widmet sich insbesondere Filmen mit ungewöhnlichen Erzählformen und eigenständigen künstlerischen Handschriften.
Die deutsche Auswahljury würdigte vor allem Wollners filmische Darstellung von Verlust und Trauer. „Mit ‚Everytime‘ gelingt der Regisseurin und Autorin Sandra Wollner das Kunststück, mit rein filmischen Mitteln und einer überraschenden Leichtigkeit Trauer als Zustand einer aus den Fugen geratenen Welt erlebbar zu machen“, hieß es in der Begründung.
Auch die visuelle Gestaltung wurde hervorgehoben: „Die herausragende Kameraarbeit erzeugt eine flirrende, bisweilen entrückte Atmosphäre, ohne sich vor die Figuren zu drängen“.
Darüber hinaus lobte die Jury das Schauspielensemble und die Erzählweise des Films. „Elegant mit Form und narrativen Ellipsen spielend, erzählt ‚Everytime‘ von den Zwischenräumen des Verlustschmerzes. Beinahe unmerklich fließen Erinnerung und Gegenwart, Realität und Imagination ineinander und machen diesen Film zu einem großen poetischen Kino-Erlebnis.“
Regeländerung eröffnet weiteren deutschen Filmen Chancen
Erstmals könnten in einem Oscar-Jahr bis zu drei überwiegend deutsche Produktionen um einen Platz auf der Shortlist für den besten internationalen Film konkurrieren. Möglich wird dies durch eine Änderung des Auswahlverfahrens der Academy of Motion Picture Arts and Sciences.
Filme, die bei bestimmten internationalen Festivals einen Hauptpreis gewonnen haben, können sich nun zusätzlich für das Verfahren qualifizieren. Neben „Everytime“ betrifft dies zwei weitere Produktionen aus Deutschland.
„Gelbe Briefe“ von İlker Çatak erhielt den Goldenen Bären bei der Berlinale. Visar Morinas „Von Scham und Geld“ wurde beim Sundance Film Festival mit dem World Cinema Grand Jury Prize ausgezeichnet. Die jeweiligen Produktionsfirmen müssen beide Filme allerdings noch formell für den Oscar-Wettbewerb einreichen.
Shortlist umfasst 15 internationale Filme
Eine Jury aus Mitgliedern der US-Filmakademie entscheidet anschließend, welche Beiträge auf die Shortlist gelangen. Diese umfasst 15 Filme und soll am 15. Dezember veröffentlicht werden.
Aus dieser Vorauswahl werden fünf Werke für den Oscar nominiert. Die Bekanntgabe der Nominierungen ist für den 21. Januar vorgesehen.
Academy stärkt die Rolle der Filmschaffenden
Auch die offizielle Zuordnung der Auszeichnung verändert sich. Bislang wurde in der Kategorie vor allem das einreichende Land als nominierte Instanz wahrgenommen. Künftig gilt der jeweilige Film selbst als offizieller Nominierter.
Den Oscar nimmt die Regisseurin oder der Regisseur stellvertretend für das gesamte kreative Team entgegen. Damit hebt die Academy den Beitrag der unmittelbar an der Produktion beteiligten Filmschaffenden stärker hervor.
Die 99. Oscar-Verleihung ist für den 14. März 2027 in Los Angeles geplant. Ob „Everytime“ Deutschland tatsächlich die fünfte Auszeichnung in dieser Kategorie bescheren kann, entscheidet sich zunächst mit der Aufnahme in die Shortlist und anschließend bei der Auswahl der fünf Nominierten.
