Der Besuch des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate in Deutschland fällt in eine Phase, in der beide Volkswirtschaften ihre Zusammenarbeit neu ausrichten. Im Mittelpunkt steht zunehmend ein Modell, das nicht mehr nur auf Handel beruht, sondern auf Investitionen, Technologie und dem gemeinsamen Zugang zu neuen Märkten.

Über Jahrzehnte folgten die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Arabischen Emiraten einem vertrauten Muster. Deutschland exportierte Maschinen, Autos und industrielle Expertise. Die Golfstaaten lieferten Energie und zunehmend auch Kapital.

Dieses Modell besteht weiter, doch die Beziehungen zwischen Deutschland und den VAE werden deutlich breiter. Wenn Scheich Mohamed bin Zayed Al Nahyan in dieser Woche nach Deutschland kommt, trifft er auf eine Wirtschaftsbeziehung, die sich zunehmend um industrielle Kapazitäten, technologische Zusammenarbeit und langfristiges Wachstum dreht.

Die Grundlage dafür ist bereits beachtlich. Das bilaterale Handelsvolumen lag 2025 bei mehr als 15,5 Milliarden US-Dollar, rund 2.000 deutsche Unternehmen sind heute in den VAE aktiv. Für beide Seiten wird jedoch immer wichtiger, welches Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist.

Deutschland gehört weiterhin zu den technologisch und industriell stärksten Volkswirtschaften der Welt. Das Land verfügt über ausgeprägte Kompetenzen im Maschinenbau, in der Fertigung, der Chemieindustrie und bei industriellen Anwendungen neuer Technologien. Die VAE bringen andere Stärken mit: langfristig verfügbares Kapital, Erfahrung im Energiesektor, eine rasch wachsende digitale Infrastruktur und enge Wirtschaftsbeziehungen in den Nahen Osten, nach Afrika und Asien.

Gerade in einer Zeit, in der industrielle Wettbewerbsfähigkeit immer höhere Investitionen erfordert, wird diese Kombination interessant. Künstliche Intelligenz, moderne Fertigung, Robotik, Energiespeicher oder die Dekarbonisierung industrieller Prozesse sind kapitalintensive Felder. Gleichzeitig braucht es etwas, das sich nicht einfach einkaufen lässt: die Fähigkeit, neue Technologien in verlässliche industrielle Prozesse zu überführen und im großen Maßstab einzusetzen.

Genau hier überschneiden sich deutsche und emiratische Interessen besonders deutlich.

Der neue deutsche Botschafter in den VAE, Tobias Tunkel, hat zuletzt auf das noch weitgehend ungenutzte Potenzial hingewiesen, die wachsenden KI-Kompetenzen der Emirate mit der deutschen industriellen Basis zu verbinden – etwa bei KI-gestützter Robotik.

Die entscheidende Frage lautet deshalb längst nicht mehr nur, ob Investoren aus den VAE Beteiligungen an deutschen Unternehmen erwerben. Wichtiger ist, ob dieses Kapital dazu beitragen kann, neue Technologien zu skalieren, industrielle Kapazitäten zu modernisieren und Unternehmen international wettbewerbsfähiger zu machen.

Dafür gibt es bereits erste Anzeichen.

XRG, der internationale Investmentarm von Adnoc, ist langfristig beim deutschen Werkstoffkonzern Covestro eingestiegen. Beim Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz in Abu Dhabi im Februar vereinbarten Adnoc und RWE, mögliche LNG-Lieferungen für Deutschland und andere europäische Märkte zu prüfen. Masdar und RWE wollen zudem gemeinsam Investitionsmöglichkeiten bei Batteriespeichern in Deutschland ausloten. Covestro wiederum schloss Vereinbarungen mit Unternehmen aus den VAE zu Ammoniak und nachhaltigen Materialien.

Auch in anderen Bereichen nimmt das Engagement zu. Emirates Global Aluminium baut seine Aluminiumrecycling-Kapazitäten bei Hannover aus. Die geplante Übernahme des deutschen Logistikunternehmens MBS Logistics durch die AD Ports Group würde emiratische Investitionen noch stärker in europäische Lieferketten hineinführen.

Für sich genommen sind diese Transaktionen sehr unterschiedlich. Zusammengenommen deuten sie jedoch auf einen strukturellen Wandel hin: Emiratisches Kapital rückt immer näher an den industriellen Kern der deutschen Wirtschaft.

Für deutsche Unternehmen bieten die VAE zugleich mehr als Finanzierung.

Viele nutzen das Land bereits als regionalen Standort, von dem aus sie Märkte im Nahen Osten, in Afrika und Asien bedienen. Diese Funktion dürfte an Bedeutung gewinnen, wenn Unternehmen ihre Lieferketten neu bewerten und stärker nach Wachstumsmöglichkeiten außerhalb der vergleichsweise schwachen europäischen Märkte suchen.

Auch die VAE selbst wollen längst mehr sein als Energieproduzent und Kapitalgeber. Die wirtschaftliche Diversifizierung gehört seit Jahren zu den zentralen politischen Zielen des Landes. Entsprechend stark wird in künstliche Intelligenz, digitale Infrastruktur, erneuerbare Energien und moderne Industrie investiert.

Für deutsche Unternehmen eröffnet sich damit die Chance auf eine echte wechselseitige Partnerschaft: Investitionen in Europa auf der einen Seite, gemeinsames Wachstum in Märkten, in denen die VAE bereits über starke wirtschaftliche und politische Netzwerke verfügen, auf der anderen.

Gerade darin liegt der Wert langfristiger Investitionsbeziehungen. Kapital allein schafft keine wettbewerbsfähige Industrie. Ebenso wenig wird aus einer Technologie automatisch ein tragfähiges Geschäftsmodell. Erfolgreiche Partnerschaften verbinden Finanzierung, industrielle Kompetenz, Infrastruktur und Zugang zu Kunden.

Deutschland und die VAE bringen diese Voraussetzungen in ungewöhnlich komplementärer Form mit.

Deutsche Unternehmen verfügen über technologische Tiefe, Ingenieurwissen und jahrzehntelange Erfahrung im Betrieb komplexer industrieller Systeme. Investoren aus den Emiraten bringen Kapital und den Zugang zu einer Volkswirtschaft mit, die neue Technologien vergleichsweise schnell erprobt und in größerem Maßstab einsetzt.

Inzwischen entstehen auch die institutionellen Strukturen, die einer solchen Partnerschaft mehr Kontinuität geben können. 2025 wurde in Berlin der Germany-UAE Business Council gegründet, um Handel und Investitionen zwischen den Unternehmen beider Länder zu fördern. Hinzu kommt der German Emirati Joint Council for Industry and Commerce, in dem mehr als 500 Unternehmen aus Deutschland und den VAE vertreten sind.

Denn große Investitionszusagen entfalten erst dann Wirkung, wenn Unternehmen konkrete Projekte identifizieren, geeignete Partner finden und regulatorische wie praktische Hindernisse überwinden können.

Die Entwicklung hat zudem eine europäische Dimension. Die VAE und die Europäische Union arbeiten an engeren Wirtschaftsbeziehungen und verhandeln über eine Ausweitung von Handel und Investitionen in strategischen Bereichen. Aufgrund seiner wirtschaftlichen Größe und industriellen Bedeutung wird Deutschland dabei zwangsläufig eine zentrale Rolle spielen.

Gemessen an den Beziehungen Deutschlands zu seinen größten internationalen Investoren ist das bilaterale Investitionsvolumen bislang zwar noch begrenzt. Die Richtung ist jedoch eindeutig. Das traditionelle Wirtschaftsmodell zwischen Europa und dem Golf beruhte vor allem auf Energie und Handel. Das neue Modell ist komplexer – und möglicherweise deutlich wertvoller. Es umfasst Kapital, industrielle Technologie, künstliche Intelligenz, Logistik, Energieinfrastruktur und den gemeinsamen Zugang zu Drittstaatenmärkten.

Genau deshalb ist der Staatsbesuch in dieser Woche auch aus wirtschaftlicher Sicht besonders interessant. Die entscheidende Frage lautet, ob es beiden Ländern gelingt, daraus eine dauerhafte Industriepartnerschaft zu entwickeln, in der deutsche Technologie- und Fertigungskompetenz mit emiratischem Kapital, Infrastruktur und internationaler Reichweite zusammenkommt.

Gelingt das, könnten die VAE für Deutschland künftig weit mehr sein als einer seiner wichtigsten Handelspartner in der Golfregion. Sie könnten zu einem der Partner werden, die die nächste Entwicklungsphase der deutschen Industrie mitprägen.

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Irmgard Keun ist Autorin bei paderborner-blatt.de und berichtet über aktuelle Themen aus Politik, Wirtschaft, Technologie, Sport, Unterhaltung und Lifestyle. Sie legt Wert auf klare Berichterstattung, relevante Informationen und eine verständliche Einordnung aktueller Ereignisse für die Leserinnen und Leser.

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